Ausgleich zwischen Beruf und Privatleben

Recht auf Abschalten

Ich bin dann mal weg! Brauchen wir ein Recht auf Abschalten?

Joachim Skura, HCM Thought Leader, @JoachimSkura

 

Mobiltechnologien machen uns permanent verfügbar und steigern vermeintlich auch die Arbeitsproduktivität – aber wie stark sind die Auswirkungen auf unser Privatleben?

Joachim Skura

Joachim Skura, HCM Thought Leader.

Seit Beginn des Jahres tut sich in unserem Nachbarland Frankreich Erstaunliches: Artikel 55 des „Loi Travail“ oder auch „Loi El Khomri“ gibt arbeitenden Menschen ein „Recht auf Abschalten“. Das ist im Zeitalter der Digitalisierung eine interessante Maßnahme – aber Frankreich war schließlich auch schon immer für einige revolutionäre Vorstöße bekannt.

Mit der Neuregelung des französischen Arbeitsgesetzbuchs sind Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten seit Jahresbeginn dazu verpflichtet, mit ihren Arbeitnehmern darüber zu verhandeln, ob sie ein garantiertes Recht darauf erhalten, ihre Smartphones außerhalb der Arbeitszeiten zu ignorieren – also abzuschalten im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ist kein Geheimnis, dass durch die weite Verbreitung von Smartphones überall eine Kultur der ständigen Verfügbarkeit entstanden ist – Sascha Lobo nennt das „Sofortness“. Auch wenn dies zu einer starken Zunahme der Aktivität geführt hat (ob Produktivität sei mal dahin gestellt), sind seitdem auch weitaus mehr Fälle von Burnout unter den arbeitenden Menschen zu verzeichnen. Frankreich erkennt hier wohl einen Zusammenhang. Ein schönes Beispiel für den Unterschied von Korrelation und Kausalität.

 Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben ist ein wesentlicher Faktor bei der Gesamtproduktivität. Digitalisierung kann fördern und entlasten – sogar mehr als uns fordern.  

Technologie verantwortungsvoll einzusetzen ist eines meiner Mantras. Nicht immer nur das Gleiche etwas effizienter tun, sondern andere Dinge tun – hier liegt für mich der Segen der Digitalisierung – und vielleicht auch mal wieder etwas nicht zu tun, etwa mehr dem Gedanken statt der App frönen.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass 62 Prozent aller Arbeitnehmer in Frankreich, und hier insbesondere Mitarbeiter auf Führungsebene, eine Regulierung forderten, durch die die berufliche Nutzung von Smartphones außerhalb der Arbeitszeit und am Wochenende geregelt wird.

 Nichtverfügbarkeit ist eher eine Mitarbeiterschulung, bei der die Belegschaft lernt, wie wichtig ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben
ist.  

Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben ist ein wesentlicher Faktor bei der Gesamtproduktivität sowie der allgemeinen Zufriedenheit. Sogar die motiviertesten und zufriedensten Mitarbeiter haben Ziele und Verantwortlichkeiten außerhalb des Berufs, für die sie Zeit und Energie aufbringen möchten und müssen.

Einige Unternehmen in Europa, siehe Volkswagen oder LaPoste, sind sich dessen schon seit Jahren bewusst und haben Maßnahmen ergriffen, um ihre Belegschaft außerhalb der Arbeitszeit zu entlasten. Die La-Poste-Gruppe hat laut Aussage von Sylvie François, Managing Director HR, bereits im Juli 2015 ihren Mitarbeitern ein solches Recht auf Nichtverfügbarkeit eingeräumt. Sie sieht diese Nichtverfügbarkeitszeiten eher als Mitarbeiterschulung an, bei denen die Belegschaft beigebracht bekommt, wie wichtig ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben ist, als ein Regelwerk für die Aktivität außerhalb der Arbeit.

 Digitale Technologien bieten Unternehmen und den Mitarbeitern viele Möglichkeiten zur Produktivitätssteigerung, sie helfen jedoch auch bei der persönlichen Entwicklung und sorgen für eine größere Ausgeglichenheit, wenn sie gut eingesetzt werden.  

Bei AXA schlägt man ähnliche Töne an: Mitarbeiter müssen nicht außerhalb ihrer normalen Arbeitszeit auf E-Mails antworten, sie dürfen dies jedoch, wenn sie möchten. Sibylle Quéré-Becker, Director of Social Development bei AXA, sagt dazu: „Das Abrufen von E-Mails zu untersagen, wäre ein zu einseitiger Ansatz für uns. Wir haben Mitarbeiter in unterschiedlichen Zeitzonen, und wenn wir den E-Mail-Zugang verwehren, können diese nicht zusammenarbeiten.” Quéré-Becker hebt zudem hervor, dass einige Mitarbeiter durch das Blockieren des beruflichen E-Mail-Verkehrs nicht am Schreiben von Nachrichten gehindert werden, da sie dann einfach ein privates Konto nutzen, was ein erhebliches Sicherheitsrisiko für das Unternehmen darstellt.

Letztendlich soll eine Atmosphäre geschaffen werden, in der sich die Mitarbeiter nicht unter Druck gesetzt fühlen, auch nach dem Verlassen des Arbeitsplatzes weiterzuarbeiten. Stellt sich aber wiederum die Frage, was denn in einer zunehmend virtuellen Knowledge-Economy überhaupt noch ein Arbeitsplatz ist. Ist das noch ein Ort, den ich „verlasse“ oder ist es nur noch ein Zeitintervall, in dem ich verfügbar bin fürs tägliche Business. Ich denke eher letzteres.

Wir nutzen unser Smartphone beinahe instinktiv inzwischen zu jeder Stunde des Tages, und auch wenn die Mitarbeiter dadurch produktiver sind als je zuvor, wurde dadurch die Trennlinie zwischen Berufswelt und Privatleben verwischt. Digitale Technologien bieten Unternehmen und den Mitarbeitern viele Möglichkeiten zur Produktivitätssteigerung. Sie helfen jedoch auch bei der persönlichen Entwicklung und sorgen für eine größere Ausgeglichenheit, wenn sie gut eingesetzt werden.

Es stellt sich unter Umständen die Frage, ob ein Einwirken durch die Regierung die richtige Antwort auf das Problem ist. Ich muss mir nicht jede Webseite ansehen und brauche kein Gesetz, das mir die Zeiten für E-Mails vorgibt. Da halte ich es doch lieber wie Erich Kästner: „Das Leben ist immer lebensgefährlich“ und lerne lieber mich eigenverantwortlich in der – definitiv kommenden – digitalisierten Welt zu bewegen.