Interview mit Stefan Radatz, Vice President & Regional General Manager, Oracle Health DACH and Central Europe
16. Februar 2026
Für das Gesundheitswesen eröffnen sich neue Möglichkeiten. Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI), vernetzte Daten und moderne Cloud-Infrastrukturen können dazu beitragen, Versorgung zu verbessern, Prozesse zu vereinfachen und Mitarbeitende spürbar zu entlasten. Im Gespräch erläutert Stefan Radatz, Vice President and Regional General Manager, Oracle Health, wie diese Ansätze bereits heute wirken, welche strategischen Leitlinien Oracle Health verfolgt und wie Transformation Schritt für Schritt gelingen kann – global verankert und zugleich auf die Anforderungen im deutschsprachigen Gesundheitsmarkt ausgerichtet.
Wenn Sie auf die aktuelle Situation im Gesundheitswesen blicken: Wo sehen Sie heute die größten Hebel, um spürbare Verbesserungen zu erzielen?
Wir sehen den größten Hebel darin, Technologie nicht isoliert einzusetzen, sondern klinische, administrative und wirtschaftliche Abläufe gemeinsam zu betrachten. Viele Herausforderungen – etwa Personalmangel, steigender Dokumentationsaufwand oder wirtschaftlicher Druck – lassen sich nicht durch einzelne Tools lösen. Entscheidend ist, Abläufe zu verbinden und Daten sinnvoll zu nutzen, um Entlastung zu schaffen. Gleichzeitig spielt Technologie eine immer wichtigere Rolle dabei, Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu halten: Systeme, die Arbeit erleichtern, Frust reduzieren und Zeit zurückgeben, steigern Zufriedenheit und die Attraktivität von Gesundheitseinrichtungen.
Worauf kommt es aus Ihrer Sicht an, damit Transformation nachhaltig gelingt?
Nachhaltige Transformation gelingt dann, wenn sie nicht fragmentiert oder kurzfristig gedacht wird, sondern einer klaren Zielsetzung folgt. Kurzfristige Maßnahmen können entlasten, adressieren aber selten die zugrunde liegenden Abläufe und Strukturen im Betrieb. Technologie kann hier unterstützen. Unser Verständnis von Transformation umfasst Versorgung, Prozesse, Steuerung und Forschung – auf einer technologischen Grundlage, die Skalierung und Weiterentwicklung ermöglicht. Wir verstehen uns dabei als Transformationspartner, der das Gesundheitsökosystem ganzheitlich mitdenkt, Wege in die Zukunft vorausdenkt und Einrichtungen schrittweise auf diesem Weg begleitet – mit einem Ansatz, der Risiken reduziert, weil Architektur, Migration und Weiterentwicklung bereits vorgedacht sind.
Künstliche Intelligenz ist ein zentrales Thema. Wie unterscheidet sich der KI-Ansatz von Oracle Health?
Künstliche Intelligenz sollte dort wirken, wo im Alltag heute Engpässe entstehen: bei Dokumentation, Entscheidungsunterstützung, Koordination und administrativen Aufgaben. Deshalb ist KI bei uns nicht als Add-on gedacht, sondern von Anfang an in die Plattform integriert.
Ein zentraler Bestandteil ist die von Grund auf für KI und KI-Agenten ausgelegte Architektur – bei den KI-Agenten geht es um die komplexe Interaktion auch mehrerer spezialisierter KI-Einheiten, die im Hintergrund miteinander zusammenarbeiten, sich gegenseitig Kontext liefern und Abläufe unterstützen. Grundlage dafür ist eine gemeinsame Daten- und Plattformarchitektur mit semantischem Datenmodell, über die Informationen aus klinischen, administrativen und wirtschaftlichen Bereichen einheitlich verstanden und verarbeitet werden können. Auf dieser Basis entstehen keine isolierten KI-Tools, sondern vernetzte Ende-zu-Ende-Arbeitsprozesse, die in Versorgung, Administration und Abrechnung wirken können. Im Bereich der Abrechnung sollen sich so bspw. MD-Prüfungen reduzieren, Vorgänge beschleunigen und Abrechnungssicherheit erhöhen lassen – ein zentraler Aspekt zur Sicherstellung der Wirtschaftlichkeit im regulierten Umfeld des deutschen Gesundheitswesens.
Welche Effekte zeichnen sich ab?
In ersten Projekten zeichnen sich positive Effekte ab: Projektteilnehmer berichten von sinkendem Dokumentationsaufwand, reduzierter Nacharbeit und spürbar effizienteren Abläufen. Für Kliniken geht es dabei nicht nur um Effizienz, sondern um Entlastung im Alltag: weniger Administration, weniger Nacharbeit und mehr Zeit für Patienten. Entscheidend ist für uns, dass Technologie den Alltag erleichtert, Qualität unterstütz und Versorgung fördert – dann erfüllt sie ihren Zweck und bringt echten Mehrwert.
Was unterscheidet die technologische Plattform von Oracle Health von anderen Angeboten im Markt?
Damit KI im Alltag wirken kann, muss sie Daten über Bereiche hinweg verbinden und in die Arbeitsabläufe eingebettet sein – nicht als Zusatz, sondern als integrierter Bestandteil. Genau dies leistet unsere Plattform: Sie ist offen, modular und interoperabel aufgebaut und verbindet klinische, administrative, wirtschaftliche und forschungsrelevante Bereiche über eine gemeinsame Datenbasis hinweg. Zudem ist sie so ausgelegt, dass KI-Funktionen erweitert werden können – sowohl durch Partner als auch durch Einrichtungen selbst. Dabei wird es unterschiedliche Ebenen geben: von vorgefertigten Komponenten, die sich ohne tiefes technisches Know-how nutzen lassen, bis hin zu Werkzeugen für spezialisierte Entwicklerteams, die eigene Agenten oder Funktionen einbinden möchten. Dieses Prinzip schafft Erweiterbarkeit, schützt bestehende Investitionen und ermöglicht Weiterentwicklung ohne Systemwechsel.
Wir hatten die besondere Möglichkeit und den Gestaltungsspielraum, Architektur und Produkte von Grund auf neu zu denken – ohne durch veraltete Systemlandschaften eingeschränkt zu sein. Dafür haben wir erheblich investiert und eine Entwicklungsorganisation aufgebaut, die in dieser Größenordnung selten ist. So konnten wir einen Ansatz verfolgen, der Modernisierung nicht nur schrittweise, sondern umfassend ermöglicht.
Wie gelingt es, Mitarbeitende auf dem Weg der Transformation mitzunehmen?
Akzeptanz entsteht dort, wo Nutzen spürbar wird. Deshalb entwickeln wir entlang realer Arbeitsabläufe und binden Nutzer frühzeitig ein. Systeme müssen Arbeit vereinfachen, statt zusätzliche Hürden aufzubauen – das ist für Kliniken längst ein Wettbewerbsfaktor bei der Gewinnung und Bindung von Fachkräften. KI kann dabei einen Teil übernehmen, etwa bei Dokumentation oder Routineaufgaben. Entscheidend bleibt aber: Der Mensch trifft die Entscheidungen. Wir setzen auf einen Human-in-the-Loop-Ansatz mit klaren Regeln, Transparenz und Datenschutz – im Gesundheitswesen unverzichtbar.
Technologie darf im Gesundheitswesen nicht Selbstzweck sein, sondern muss zur besseren Versorgung beitragen – für Patienten, Mitarbeitende und Einrichtungen gleichermaßen.